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Teilzeitarbeit in der Schweiz - warum gibt es so viele Vorurteile?

Veröffentlicht am 06.07.2023 von Marcel Penn, Marketing- und Verkaufsleiter Classifieds - Bildquelle: Getty Images
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In der Schweiz sind mehr als 35 Prozent der Arbeitnehmer in Teilzeit beschäftigt. Diese Zahlen
haben sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Wer weniger arbeitet, zahlt weniger Geld in die Sozialversicherungen ein. Dies sorgt für Diskussionen und mitunter auch für Unmut. Doch ist es der Grund, warum so viele Schweizer in Teilzeit arbeiten?
Teilzeitarbeit - geringere Beiträge für die Sozialversicherungen

Die AHV und die IV sind Versicherungen, die in der Schweiz obligatorisch abzuschliessen sind. Dies
bedeutet, dass Sie als Arbeitnehmer keine Wahl haben, ob Sie die Versicherung möchten oder nicht. Sie ist verpflichtend von jedem Beschäftigten nachzuweisen.

Die Beträge bemessen sich nach dem Einkommen. Und genau da liegt das Problem einiger Kritiker: Wer wenig verdient, zahlt wenig Geld in die Sozialkassen ein. Derjenige hat auch eine geringere Steuerbelastung. Zudem kann er die Prämienverbilligung für die Krankenkasse in Anspruch nehmen und bekommt mit etwas Glück eine subventionierte Wohnung.

Im Zusammenhang mit der Annahme eines Teilzeitjobs wird dies als besonders ungerecht empfunden. Scharfe Zungen unterstellen den Teilzeitbeschäftigten nicht selten, im Job nur aus diesen Gründen mit weniger Stunden zu arbeiten. Doch ist das wirklich der Fall?

Die Aufgaben des Alltags mit einem Teilzeitjob vereinbaren

Die sozialen Strukturen innerhalb der Familien haben sich in den letzten 50 Jahren stark geändert.
In jungen Familien arbeiten beide Elternteile. Gehen Vater und Mutter einem Vollzeitjob nach, kommt die Betreuung der Kinder nicht selten zu kurz. Gibt es in der Familie zusätzlich Senioren, die Unterstützungsbedarf haben, lässt sich dies mit einem Vollzeitjob oftmals nur schwierig vereinbaren.

Hinzu kommen die Anfahrtswege zur Arbeit und die Aufgaben im Haushalt. Diese erledigen
Eltern in der Regel allein und ohne Hilfe. Um nicht einem permanenten Stress ausgesetzt zu sein,
entscheiden sich immer mehr Eltern für die Annahme eines Teilzeitjobs. Auch Männer sind in die
Arbeiten im Haushalt mit eingebunden.

Männer und Frauen teilen sich die Aufgaben

Das alte Rollenbild, in dem der Mann das Geld verdient und die Frau den Haushalt und die Kinder
versorgt, das gibt es nicht mehr. Vielmehr stehen die Zeichen auf Arbeitsteilung. Männer übernehmen den gleichen Anteil an der Hausarbeit und an der Kindererziehung wie Frauen. Die Frau geht im Gegenzug arbeiten. Mit einem Vollzeitjob lassen sich die vielen Aufgaben nur schwer miteinander vereinbaren.

Aus diesem Grund geht der Trend vieler Eltern dazu, einen Teilzeitjob anzunehmen. Dies gilt für die Mutter und den Vater: Die Arbeit wird geteilt, die Aufgaben im Haushalt auch. Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer in der Schweiz arbeiten in Teilzeit, darunter viele Elternpaare und auch alleinerziehende Mütter und Väter.

Work-Life-Balance spielt eine wichtige Rolle

Der Begriff der Work-Life-Balance hat an Bedeutung gewonnen. Es geht nicht mehr nur darum, viel zu
arbeiten und ein sehr gutes Gehalt auf dem Konto zu haben. Zeit für die Familie, für Hobbys und
für sich selbst sind in den letzten Jahren wichtiger geworden. Diese Meinungen belegen, dass
Teilzeitarbeit ganz andere Gründe hat als eine Steuerersparnis oder eine günstige Wohnung.

Auch die geringeren Beiträge zur Sozialversicherung spielen nur eine untergeordnete Rolle bei der
Entscheidung, die Arbeitszeit im Job zu kürzen. Die Lebensqualität steht im Mittelpunkt. Somit
führen die Diskussionen mancher Kritiker am eigentlichen Grund vorbei.

Politik mischt sich in die Diskussionen ein

Obwohl die Gründe für die Annahme einer Teilzeitbeschäftigung nicht in der Ersparnis bei den
Abgaben liegen, gibt es mittlerweile auch in der Politik Diskussionen. Es steht die Frage im Raum,
ob Teilzeitbeschäftigte ab einem bestimmten Einkommen die Prämienverbilligung für die
Krankenversicherung noch in Anspruch nehmen dürfen.

Dies würde weniger Eltern betreffen als Gutverdienende. Eine Diskussion auf breiter Ebene oder eine Stellungnahme der Politik stehen noch aus. Solange bleibt es bei den geltenden Bestimmungen, die eine Teilzeitbeschäftigung in einem gewissen Masse attraktiv sein lassen.